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Lesenwerter Artikel aus der Welt zur Landtagswahl:
Nach dem schwachen Abschneiden von Roland Koch bei der Landtagswahl
in Hessen hofft die SPD weiter auf ihre Chance in Wiesbaden. Andrea
Ypsilanti gilt bereits als die Ministerpräsidentin der Herzen.
Gut möglich, dass sie das auch bleibt. Für das Land und die
SPD wäre es vielleicht auch besser so.
Am späten Wahlsonntagabend, es geht bereits auf Mitternacht zu,
kriecht es so langsam hinein, das Schalke-04-Gefühl in Andrea
Ypsilanti. Da hat sie, die Spitzenkandidatin der Hessen-SPD, den ganzen
Abend über ebenso befreit lächelnd wie akkurat geschminkt
die Umfragen bejubelt, da ist der Stolz über ihre Leistung via
laufende Kamera geradezu in die Wohnzimmer der Republik geplatzt, da
sah sie sich schon am Ziel ihrer rot-grünen Träume, da hat
sie, das vermeintliche SPD-Fliegengewicht, der CDU-Wuchtbrumme Roland
Koch schon den politischen Todesstoß versetzt, als, in der Nachspielzeit
eines erstaunlichen Wahlfinales, der bereits Geschlagene wieder aufsteht – und
erbarmungslos zurückschlägt. Schlagworte
Landtagswahlen Hessen Roland Koch Andrea Ypsilanti Große Koalition
CDU SPD Linkspartei Mit 0,1 Prozentpunkten liegt die Koch-CDU am Schluss,
als der Wahlleiter das Endergebnis verkündet, vor der Ypsilanti-SPD.
36,8:36,7 – Herzschlagfinale. Die Christdemokraten bleiben stärkste
Partei – und Ypsilanti bleibt nicht viel mehr als Respekt und
Sympathie. Eine Ministerpräsidentin der Herzen. Und vielleicht
ist das ja auch gut so. Besser jedenfalls, als wirklich zu regieren.
Besser für Ypsilanti. Und besser für Hessen.
Kann die Ministerpräsidentin der Herzen noch Regierungschefin
werden?
Dabei wäre es ein Leichtes, die Ministerpräsidentin der
Herzen in eine hessische Regierungschefin zu verwandeln. Dafür
müßte sie nur das tun, was andere auch schon getan haben:
ihr Wahlversprechen brechen – und, in ihrem Fall, mit der Linken
koalieren. Oder sich von ihr tolerieren lassen.
Beides jedoch schlossen sowohl Ypsilanti als auch SPD-Chef Kurt Beck
gestern erneut kategorisch aus. Ypsilanti, weil sie genau weiß,
daß sie mit einem Wortbruch ihr größtes Gut, ihre
persönliche Glaubwürdigkeit, umgehend erstören würde.
Und Beck, weil er der Überzeugung ist, daß jedes Bündnis
der SPD mit Lafontaines Linken die Chancen bei der Bundestagswahl 2009
weiter schmälern würde. Den Genossen in Hessen bleibt also
nur die Hoffnung, daß die FDP ihrer staatspolitischen Pflicht
nachkommt – und umfällt. Damit das Land überhaupt regiert
werden kann.
Die Hessen haben das Kunststück fertiggebracht, sich einen Landtag
zusammen zu wählen, in dem keine Regierungsmehrheit in Sicht ist.
Alle rechnerisch möglichen Optionen wurden von – mindestens – einem
der möglichen Partner ausgeschlossen. Der FDP würde die Rolle
des Blockadebrechers sicherlich leichter fallen, wenn sich, erstens,
ihr Landeschef Jörg-Uwe Hahn mit etwas weniger Verve auf ein Nein
zu einer Ampelkoalition festgelegt hätte. Wenn, zweitens, FDP-Chef
Guido Westerwelle sein Nein zur Ampel nicht gestern mit einem Vorstandsbeschluß untermauert
hätte. Und wenn, drittens, Andrea Ypsilanti nicht Andrea Ypsilanti
wäre.
Ypsilanti ist und bleibt eine Träumerin
Die 50-Jährige verkörpert etwas, was aufrechten Freidemokraten – und
nicht nur denen – wie eine Wiederkehr der deutschen Sozialdemokratie
der 70er-Jahre in einer, zugegeben, überaus charmanten Variante
vorkommen muß: Sie verkörpert die Vorstellung von der Welt
als Wunsch. Edel sei die Politik, hilfreich und gut. In Ypsilantis
Welt wird kein Schüler zurückgelassen, lernen Begabte mit
weniger Begabten länger gemeinsam – und profitieren beide
davon. In Ypsilantis Welt verwandelt sich Atomstrom durch politischen
Willen in erneuerbare Energie. In Ypsilantis Welt gibt es kostenlose
Kindertagesstätten, kostenlose Lehrmittel, kostenloses Studium.
In Ypsilantis Welt sorgen mehr Sozialarbeiter für eine bessere
Kriminalitätsprävention, mehr Polizisten für sichere
U-Bahnhöfe, mehr Lehrer für bessere Schüler, mehr Pfleger
für die Alten und gute Politiker für Mindestlöhne. In
Ypsilantis Welt bekommen Arbeiter höhere Bezüge, Rentner
höhere Renten und Reiche höhere Steuern. Ypsilantis Welt
ist ein Dorf, in dem es keine Globalisierung gibt, keine Unsicherheiten,
keine Verängstigung – aber ganz viel Geld, das nur umverteilt
werden muß. Und wenn Ypsilanti über Ypsilantis Welt spricht,
ist es ein wenig so, als sprächen die Hobbits im „Herr der
Ringe“ von Auenland. Von einem Land und von einer Zeit, die um
so unendlich heiler, so unendlich grüner, so unendlich sozial
gerechter ist als dieses Mordor der hessischen Gegenwart. Ypsilantis
Welt ist Ypsiland, der Ort, an dem sich die letzten 30 Jahre einfach
ausblenden.
Trotz allem ist Ypsilanti authentisch
Der Erfolg der Andrea Ypsilanti ist zu einem Großteil ihrer
Authentizität geschuldet. Die Arbeitertochter, Ex-Sekretärin,
Ex-Stewardeß, diplomierte Soziologin, notorische Agende-Kritikerin
mußte sich nicht ändern, um zum linken Zeitgeist zu passen.
Sie paßte schon immer. Zaghaften Versuchen, wie sie etwa der
damalige SPD-Chef Franz Müntefering unternahm, den Anforderungen
einer sich rasant verändernden Welt durch eine stärkere Betonung
des sozialdemokratischen Grundwertes der Freiheit gerecht zu werden
und somit die der Freiheit innewohnenden Tugenden Eigenverantwortung
und Eigeninitiative zu einer Sache der SPD zu machen, hielt Ypsilanti
stets den Ruf nach Gerechtigkeit und Solidarität entgegen. Die
Freiheitsversuche in der SPD sind längst eingestellt – aber
Ypsilanti ruft noch immer. Nicht zuletzt deshalb, weil sie mehr und
mehr Gehör findet. Vor allem bei all jenen, die verunsichert sind,
die in all der Beschleunigung, in all den Veränderungen nach Halt
suchen, bei denen also, die von Heuschrecken hören, von Karawanen-Kapitalismus,
von der Gier des Geldes – und sich zurücksehnen nach Auenland.
VIDEO. Die Kernklientel der SPD ist, wie die Hessen-Wahl eindrucksvoll
belegt, für diese Rufe kaum noch empfänglich. Um gerade mal
ein Prozent konnte die SPD bei den Arbeitern, den Arbeitslosen und
den Rentnern zulegen. Ein Großteil von ihnen ist – trotz
der linken Ypsilanti – bereits desillusioniert weiter nach links
abgewandert, zu Lafontaine, zu Gysi und deren erratischer Selbstfindungstruppe.
Weit überproportional zugelegt hat die SPD hingegen bei den Angestellten
und Selbstständigen.
Die Verunsicherung hat also die Mittelschicht erfaßt – und
Ypsilantis entschleunigte Welt des Schönen und Guten, des Wünschenswerten
und Kostenlosen, der sauberen Energie und der hohen Renten, der reicheren
Armen und der ärmeren Reichen bietet ihnen exakt jenen Halt, den
sie suchen. Und er bietet ihnen exakt jene Sicherheit, die trügt.
In Ypsilantis Welt ist eines nicht vorgesehen, was jetzt aber dummerweise
passiert: Der Aufschwung gerät in Gefahr. Börsencrash, Immobilienkrise,
drohende Rezession in den USA trüben auch in Deutschland die wirtschaftliche
Stimmung ein, selbst in Hessen. Wie sich angesichts trüberer Wolken
Ypsilantis gigantisches Ausgabenprogramm finanzieren läßt,
ist allen unklar, vor allem Frau Ypsilanti selbst.
Daß die Soziologin eine Ministerpräsidentin abgäbe,
die Hessen in wirtschaftlich schwieriger Zeit auf Erfolgskurs halten
könnte, trauen ihr – Wahlerfolg hin oder her – selbst
viele Parteifreunde kaum zu. Bleibt also nur zu hoffen, daß die
Hessen nicht eines Tages das Gleiche feststellen müssen wie die
Hobbits, als sie – nicht im Film, aber in J.R.R. Tolkiens Buch – endlich
nach Hause kamen: Auenland ist abgebrannt.
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